Die Brothers Keepers Schultour
2002
Als wir im Frühjahr 2002,
...unterstützt von der Antonio Amadeu Stiftung, dem Verein Gesicht zeigen und der Bundeszentrale für politische Bildung, eine Schultour durch die neuen Bundesländer machen, sind wir schockiert über der Apathie und Langeweile an den Schulen. Es sind Orte, wo Menschen ihre Hoffnung verloren haben und braunes Gedankengut plötzlich zur Mode wird. Die Mitläuferzahl von Jugendlichen, die von Neonazis in Angst und Schrecken versetzt werden, droht zur Gefahr für Zivilcourage und Demokratie zu werden. Schlagartig wird uns klar, wie schnell die Verbindung von Kleinbürgertum, Rassenhass und Faschismus an diesen Orten ein Vakuum entstehen lässt, in dem Menschen, die nicht „ins Bild passen“, zur Zielscheibe werden. Diese Jugendlichen haben resigniert, bevor sie überhaupt Hoffnung auf ein besseres Miteinander selbst erleben konnten.
"Brothers Keepers Go East
by SattiEinleitung
Mit auf Tour sind die „Brothers & Siste rs Keepers“ Samy Deluxe, Afrob, Meli, Germ, Blaise und Adé Bantu und sowie Helfer und Freunde unserer immer größer werdenden Initiative. Über Berlin-Marzahn, Ludwigslust, Rostock-Lichtenhagen, Pirna und Prenzlau geht es fünf Tage quer durch Ostdeutschland. Nicht nur für die Schüler ist diese Reise überaus spannend, auch wir brennen darauf, etwas über die Verhältnisse im Osten zu erfahren. Wir wollen wissen, wie die Jugendlichen leben, welche Träume und Probleme sie haben, was sie zum Thema Nazis, Ausländer und rechte Gewalt denken.
Berlin
An der Eröffnungs-Pressekonferenz nimmt Bundestagspräsident Wolfgang Thierse teil. Er verweist an der Otto-Nagel-Oberschule in Berlin-Marzahn auf die Bedeutung von „Brothers Keepers“ und der Schultour: „Mit ihren Charts-Erfolgen setzen die ‚Brothers Keepers’ ein wichtiges Zeichen gegen rechte Gewalt und für mehr Einmischung der Jugend.“ Gemeinsam mit Adé Bantu und Samy Deluxe diskutiert Thierse im Anschluss an die Pressekonferenz mit den Schülerinnen und Schülern über alltäglichen Rassismus und den Aufbau einer Gegenkultur zur rechten Gewalt. Jeweils zwei Musiker gehen gleichzeitig in die Schulklassen und diskutieren mit den Schülern von der 8. bis zur 12. Klasse. In Berlin-Marzahn treffen wir uns mit „Peerleadern“, einer Initiative von Jugendlichen, die über zwei Jahre ausgebildet werden, um Gewaltsituationen zu entschärfen und interkulturelle Kommunikation zu erlernen.
Rostock
Wir besuchen nicht nur Schulen. Die gesamte Reise ist zusammen mit örtlichen Initiativen geplant und umgesetzt. In Rostock und Ludwigslust war es die RAA (Regionale Arbeitsstelle für Ausländerfragen, Jugendarbeit und Schule e.V.), die zahlreiche Unterstützungsprojekte für Ausländer betreibt. Am Mittag gehen wir mit dem Afrikanischen Verein in Rostock essen und lassen uns anschließend in Lichtenhagen erklären, wie vor fast zehn Jahren die unglaublich brutalen Übergriffe von Nazis und Anwohnern gegen die dort lebenden Flüchtlinge und Vietnamesen abliefen.
Deutlich spüren wir immer wieder die Rat- und Hilflosigkeit der Schüler, manchmal aber auch eine totale Perspektivlosigkeit und Langeweile. So erleben wir beispielsweise in Ludwigslust eine Situation, in der sich die Jugendlichen schon als „links“ oder „alternativ“ definieren, nur weil sie sich gegen die Nazis, die versuchen die öffentlichen Räume der Innenstadt zu dominieren, zur Wehr setzen. Frustrierend ist für diese Kids das Gefühl, allein da zu stehen und weder von der Stadt, den Parteien oder den Eltern Unterstützung zu finden. Über rechte Gewalt, von der nicht nur Ausländer, sondern häufig auch sie selbst betroffen sind, wird meistens von offizieller Seite geschwiegen. Wir bemerken Hilflosigkeit und lähmendes Schweigen, damit der Ruf der Stadt nicht gefährdet wird. So berichten die Kids, dass Aktivitäten gegen die Nazis oft als eine „Provokation“ bezeichnet werden.
Pirna
Krasser als alles, was wir bisher gesehen hatten, ist die Situation an der Heinrich-Heine-Schule in Pirna. Dort prallen unsere Diskussionsversuche wie an einer Wand ab. Eine Tatsache, die nicht verwundert, liegt die Arbeitslosigkeit doch bei über 20 Prozent – die ganze Region scheint frustriert und perspektivlos. Das alles sind zwar sicherlich keine Gründe, um Ausländer und Schwarze zu überfallen, aber es sind auch keine Bedingungen, in denen Jugendliche eigene Träume entwickeln können und sich für Ziele engagieren möchten. Da passt es allzu gut ins Bild, dass wir bereits von einigen Skins vor dem Schultor begrüßt werden und die Polizei die Umgebung kontrolliert: In der Nacht zuvor hatten Nazis Plakate mit der Aufschrift „White Aryan Brotherhood against the alien negros of Brothers Keepers“ an Wände und Zäune der Schule gekleistert. Auch an der Schule im 19 Kilometer entfernten Porschdorf, wo ein Team von uns mit Schülern diskutiert, kleben diese Plakate an den Wänden.
Am Nachmittag besuchen wir mit Polizei-Eskorte (!) dann noch den Antalya-Grill der Familie Sendilmen in Pirna. Seit Jahren wird der türkische Besitzer, dessen inzwischen erwachsene Kinder allesamt in Deutschland geboren sind, von Nazis terrorisiert. Immer wieder werden die Schaufensterscheiben eingeworfen. Der Familie, die über dem Laden wohnt, werden Brandanschläge angedroht. Die Polizei kümmert sich nur wenig um diesen Terror. „Häufig kommen die Beamten aus der nur fünf Minuten entfernten Polizeiwache erst nach einer halben Stunde oder legen den Hörer gleich auf, nachdem sie erfahren haben, wer sie um Hilfe anruft“, erzählt der Sohn des Besitzers. Jede Nacht stürze die gesamte Familie ans Fenster, wenn es ungewöhnliche Geräusche in der Fußgängerzone gebe.
Der Terror der Nazis hatte Erfolg: Die Familie hat den Grill inzwischen aufgegeben und ist vollkommen verschuldet zurück nach Berlin gezogen. Und die verbotene SSS (Skinheads Sächsische Schweiz) hat mit Hilfe ihrer „ehrenwerten Bürger“ wieder ein Stück mehr „befreite Zone“. Durch die Zusammenarbeit mit den lokalen Initiativen wollen wir deutlich machen, dass es möglich ist, gegen alltäglichen Rassismus und rechte Gewalt vorzugehen. Gerade Gruppen, die – wie z.B. die „Aktion Zivilcourage“ in Pirna – unter schwierigsten Bedingungen, mit wenig Leuten und viel zuwenig Geld eine großartige Arbeit leisten, verdienen unseren Respekt und unsere Achtung!
Prenzlau
Noch heftiger geht es am nächsten Tag in Prenzlau, nördlich von Berlin, zu. Bereits am Nachmittag marschieren Nazis gegen uns auf. Es kursiert ein Nazi-Flugblatt, in dem gegen den Besuch und vor allem gegen das am Abend geplante Konzert mobilisiert wird. Mit Infoständen und einer Aktion, welche die Einreise für Flüchtlinge nach Deutschland nachspielt, versucht der linke „Pfeffer und Salz“-Verein die Bevölkerung über die Situation von Flüchtlingen aufzuklären. In Prenzlau besuchen wir das dortige Flüchtlingsheim, wir lassen uns die Wohn- und Lebenssituation der Bewohnerinnen und Bewohner zeigen und diskutieren über gemeinsame Projekte gegen Rassismus.
Ein massives Polizeiaufgebot ist nötig, um die Nazis unter Kontrolle zu halten und die Aktion durchzuführen. Das ersehnte Konzert am Abend findet unter starkem Polizeischutz statt. Über 50 Polizisten sind vor dem Schulgelände und in der Aula im Dienst, um Naziübergriffe auf die Besucher zu verhindern. Für die Kids aus Prenzlau, die teilweise mit Bussen aus den Nachbarorten angefahren sind, ist der Abend ein voller Erfolg. Samy Deluxe, Afrob, Bantu, Meli, Blaise, Germ, Ono und Sam Meffire heizen mächtig ein. Und als Samy Deluxe „Weck mich auf, aus diesem Alptraum“ rappt, singen Hunderte Fans begeistert mit. Uns ist klar, dass diese Kids von ihrem eigenen Alptraum singen!
Die Gegenaktionen der Nazis auf die BK-Schultour zeigen, dass sie unsere Aktivitäten fürchten. Nicht nur, dass Brothers Keepers mit „Adriano (Letzte Warnung)“ eine klare Aussage gegen den Terror der Nazis gemacht hat und als „Stars“ möglicherweise die Kids besser erreichen; sie fürchten, dass der direkte Kontakt zu uns afrodeutschen Künstlern, die rassistischen Vorurteile abbaut und Vorurteile überwindet. Für Samy, Afrob, Sam, Meli, Blaise, Germ und alle anderen Beteiligten ist die Schultour 2002 eine wichtige Aktion und Erfahrung. Trotz mancher bedrückender Erlebnisse hat die Tour und haben die Kids an den Schulen deutlich gemacht, wie notwendig, aber auch wie interessant der Dialog sein kann. Klar ist: „Adriano (Letzte Warnung)“ war das Statement, die Schultour der Auftakt und nun soll es weiter gehen!




















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